WAS IST EIGENTLICH CHARISMA?

Einige Überlegungen zu einem inflationär gebrauchten Begriff im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung

In der Brockhaus Enzyklopädie wird Charisma (griechisch Gnadengabe) definiert „als übernatürlich empfundene oder außerhalb des Alltags stehende Qualität eines Menschen, die ihn in seiner Gruppe als gottgesandt, gottbegnadet erscheinen lässt (Zauberer, Propheten, Kriegshelden). […] In Zeitaltern und Kulturen, die an die Wirksamkeit übernatürlicher Kräfte nicht glauben, kann die persönliche Ausstrahlungskraft eines Menschen und seine in außergewöhnlichen Erfolgen bewährte Führungsgabe eine Autorität charismatischen Charakters begründen.“

Ursprünglich also ist Charisma etwas Gegebenes, etwas, was man sich nicht erarbeiten kann,

  • eine als übernatürlich empfundene Qualität eines Menschen
  • gottgesandt, gottbegnadet

und zudem

  • eine außerhalb des Alltags stehende Qualität eines Menschen
  • persönliche Ausstrahlungskraft
  • außergewöhnliche Erfolge
  • Führungsgabe
  • Autorität

Diesem eigentlichen Verständnis von Charisma als eine „Gnadengabe“ stehen diverse Coachingseminare und Buchtitel entgegen, die in ihren Ankündigungen und Klappentexten den Eindruck vermitteln, dass Charisma zu entfalten bzw. zu erlernen sei, wenn man nur an sich und seinem Verhalten arbeiten würde. Charisma wird hier als ein spezifisches „Verhalten“ betrachtet, das zu erlernen ist.Doch ist das tatsächlich Charisma, wovon dort die Rede ist? Oder dienen die sich ähnelnden Tipps nicht allein der positiven Ausstrahlung, dem überzeugenden Auftreten? Sind denn überzeugendes Auftreten und positive Ausstrahlung gleich Charisma?

Der Unterschied zwischen einer reinen positiven Ausstrahlung / einem überzeugenden Auftreten und Charisma liegt vor allem im „Außeralltäglichen“, wie es der Soziologe und klassische Theoretiker der charismatischen Führung und Herrschaft, Max Weber, 1922 in seinem posthum erschienenen Werk „Wirtschaft und Gesellschaft“ bezeichnet hat: „Charisma soll eine außeralltäglich […] geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften oder als gottgesendet oder als vorbildlich und deshalb als ‚Führer‘ gewertet wird“.

Charisma scheint eben doch weit mehr als überzeugendes Auftreten und positive Ausstrahlung zu sein. Es ist kein Verhalten sondern eine Eigenschaft. Charismatiker:innen ziehen Menschen in ihren Bann und mobilisieren Massen. Sie faszinieren, elektrisieren, lösen Begeisterung aus, sind anziehend und zugleich respekteinflößend. Sie sind außergewöhnlich – und wenn Charisma tatsächlich erlernbar wäre, wäre es wohl nicht mehr außergewöhnlich, charismatisch.